Düster, sprachlich stark und erschreckend nah
Manchmal klappt man ein Buch zu und hat dieses seltene Gefühl, dass man jetzt nicht direkt einfach das nächste Buch lesen kann, weil einen das letzte Buch noch nicht loslässt. Genauso ging es mir mit 2055 von John Snowley. Was auch daran liegt, weil es sich hier um den ersten Band einer Trilogie handelt und dieser einfach quasi mitten im Geschehen abbricht. Was bleibt einem also anderes übrig, als auf den zweiten Teil zu warten?
Nicht nur das Ende ließ mich mit kribbeligen Fingern zurück, schon der Einstieg ist bemerkenswert überraschend: Das Buch beginnt mit einer Nacherzählung der Genesis. Für einen Sci-Fi-/Near-Future-Thriller ist das erstmal ein auffälliger Anfang – eine Bibelszene als Auftakt klingt sehr gewagt, aber funktioniert hier erstaunlich gut: Der Ton sitzt sofort und ich war sofort „im Text“, weil dieser Anfang so bekannt ist und Snowley ihn geschickt mit der eigenen Geschichte verwebt.
Eine Welt am Abgrund, die erschreckend plausibel wirkt
Snowley entwirft eine nah-futuristische Welt, die sich erschreckend plausibel anfühlt: Klimakatastrophen, politische Verwerfungen, Krieg als Dauerzustand – und darüber ein Grunddruck, der nie ins Plakative kippt, sondern konsequent auf Atmosphäre und Spannung setzt.
Umso stimmiger wirkt dabei, was der Autor über sich selbst sagt: Dass er mit dem Schreiben seine eigenen Ängste vor Klimawandel, Kriegen und gesellschaftlichem Zerfall verarbeitet. Genau dieses „echte“ Unbehagen spürt man zwischen den Zeilen.
Figuren, Konflikte, Moral – und ein starkes Zentrum
Im Zentrum steht der „Wanderer“. Ein uraltes Wesen, dass die Menschheit vernichten will.
Mit Joshua Carlton, stellt ihm der Autor eine Figur entgegen, die äußerst fragil und schwach erscheint, gerade, weil sie nicht „laut“ erzählt wird. Der stumme Außenseiter, der sich im ersten Teil noch zurückhält, entpuppt sich dennoch als eine echte erzählerische Stärke: Schweigen wird hier nicht als Leerstelle benutzt, sondern als Schutzmechanismus. Was soll man auch sagen, wenn die Welt mit rasendem Tempo dem Abgrund entgegensteuert? Man meint hier den Autor zu erkennen, der sprachlos ist im Angesicht der Katastrophen dieser Welt.
Dazu kommt mit Anthony eine zweite Achse, die dem Ganzen eine zusätzliche moralische Schärfe gibt: Wer ist Täter, wer Werkzeug, wer Opfer – und ab wann ist diese Unterscheidung überhaupt noch möglich?
Sprachlich stark und atmosphärisch dicht
Was ich besonders mochte: 2055 überzeugt nicht nur über Plot und Setting, sondern auch sprachlich. Der Text hat Zug, wirkt kontrolliert, und trifft die dunkle Grundstimmung ohne übertriebenes Pathos. Genau dadurch funktionieren die moralischen Abgründe und die psychologische Tiefe.
Kleine Hinweise: Länge und Figurenfülle
Zwei kleine Punkte sollte man wissen: Das Buch ist mit 282 Seiten recht kurz – und ich hätte ehrlich gesagt gern mehr Zeit in dieser Welt verbracht. Außerdem führt Snowley viele Figuren ein. Das macht die Welt größer und lebendiger, verlangt vom Leser aber auch mehr Aufmerksamkeit. Man muss ein bisschen aufpassen, damit man den Überblick nicht verliert.
Fazit
Unterm Strich: ein sehr, sehr gelungenes Buch – packend, düster, psychologisch stark und stilistisch überzeugend. Und das Wichtigste: Es macht Lust auf mehr. Ich bin extrem gespannt auf die Folgebände.
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (5/5)